Datum 17.10.2017
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Über Karate

"Karate ist kein Spiel. Es ist kein Sport. Es ist nicht einmal eine Technik der Selbstverteidigung. Karate ist zur Hälfte eine körperliche, zur anderen Hälfte eine spirituelle Disziplin. Der Karateka, der die erforderlichen Jahre der Übung und Meditation hinter sich hat, ist ein heiterer und friedlicher Mensch. Er hat keine Furcht. Inmitten eines brennenden Hauses bleibt er gelassen." (Ōyama Masutatsu)


Karate ist eine Kampfkunst, die waffenlose Techniken, vor allem Schlag-, Stoß-, Tritt- und Blocktechniken sowie Fußfeger, aber auch Hebel und Würfe lehrt. Mit seinen effektiven Selbstverteidigungstechniken zeigt sich Karate auch als eine wirksame und praktikable Verteidigungsart.

Leider ist das Vorurteil, Karateka seien brutale Schläger, die Bretter zerschlagen, prügeln, aber auch fliegen können, immer noch weit verbreitet. Diese Annahme stammt aus öffentlichen Vorführungen oder Filmen und entspricht in keiner Weise der Realität!

In Wirklichkeit erzieht die harte körperliche und geistige Selbstdisziplin eines langjährigen Trainings den Karateka zu einem weitgehend ausgeglichenen Menschen, der höchste Achtung vor dem Leben und der Gesundheit des Mitmenschen hat: Alle Fuß- und Fauststöße werden vor dem Auftreten abgestoppt.

Aufgrund seiner vielseitigen Anforderungen an Körper und Geist ist Karate ideal als Ausgleich zu den Anforderungen des Alltags: Der Karateka trainiert Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit. Mit Entspannungstechniken, Atemübungen und Meditation wird die Konzentrationsfähigkeit gesteigert und die eigene Körperwahrnehmung geschult.

Durch die Vielseitigkeit fördert Karate Gesundheit und Wohlbefinden. Karate ist geeignet für alt und jung: Ob Ausgleichssport, allgemeine Fitness oder Selbstverteidigung - Karate eröffnet allen Altersgruppen und Interessenlagen ein breites sportliches Betätigungsfeld.


Training
Das Training von Geist, Charakter und der inneren Einstellung sind Hauptziele im Karate.

"Oberstes Ziel in der Kunst des Karate ist weder Sieg noch Niederlage, sondern liegt in der Vervollkommnung des Charakters des Ausübenden."

Eine weitere Grundregel im Karate lautet
「空手に先手無し。」 (Karate ni sente nashi)
d.h.: "Im Karate gibt es keinen ersten Angriff."

Damit sind weder das Training noch der Wettkampf gemeint (hier sind solche Angriffssimulationen notwendiger Teil des Trainings). Der Satz verdeutlicht vielmehr den Kodex des Karatedō im täglichen Leben.



Das Karatetraining baut auf drei großen Säulen auf:
  • Grundschule (Kihon) - das Erlernen der einzelnen Techniken
  • Formen (Kata) - eine feste Abfolge von Angriffs- und Abwehrtechniken gegen einen imaginären Gegner
  • Partnerkampf (Kumite) – das Anwenden der Techniken im Zweikampf



GESCHICHTE
Die frühere Schreibweise 唐手und die zugehörige Bedeutung „chinesische Hand“ beinhaltete bereits im Namen die Herkunft der Kampfkunst. Erst später wurde in Japan die heute gebräuchliche Schreibung 空手 verwendet, um sich von diesem Ursprung zu entfernen. Die neue Bedeutung „leere Hand“ ist ebenso passend, da im Karate meist mit leeren Händen, also ohne Waffen gekämpft wird.


Ursprünge
Legenden nach lernten Mönche im chinesischen Kloster Shaolin im 6. Jahrhundert spezielle körperliche Übungen, um das lange Meditieren aushalten zu können. Diese Kunst ist heute unter Kempo oder Shaolin-Kungfu bekannt.

Von China nach Okinawa
Karate in seiner heutigen Form entwickelte sich auf der ca. 500 Kilometer südlich von Japan zwischen dem südchinesischen Meer und dem Pazifik gelegenen Insel Okinawa (Hauptinsel der Ryukyu-Inselgruppe).

Das damals unabhängige Inselkönigreich Ryukyu unterhielt im 14. Jahrhundert rege Handelskontakte zu Japan, China, Korea und Südostasien. Hier fand ein kultureller Austausch mit dem chinesischen Festland statt. So gelangten erste Eindrücke chinesischer Kampftechniken nach Okinawa, wo sie sich mit dem einheimischen Kampfsystem des Te/De vermischt zum Tōde oder Okinawa-Te weiterentwickelten.

Im Jahre 1416 gelang König Sho Sein (auch Sho Hashi) die Einigung der Ryukyu-Inseln, die wegen ihrer unterschiedlichen wirtschaftlichen Bedeutung ständig von Unruhen und Aufständen heimgesucht wurden. Um den Frieden zu erhalten, verbot er das Tragen jeglicher Waffen, wodurch sich die waffenlose Kampfkunst des Okinawa-Te erstmals wachsender Beliebtheit erfreute. Viele Meister reisten nach China, um sich dort fortzubilden.

1609 erfolgte eine Verschärfung des Waffenverbotes: schon der Besitz jeglicher Waffen wurde unter schwere Strafe gestellt und sämtliche Schwerter, Dolche, Messer und jegliche Klingenwerkzeuge wurden eingesammelt.
Aufgrund des Mangel an staatlichen Rechtsschutz und der gesteigerten Wehrnotwendigkeit vor Willkürakten der neuen Machthaber entstand durch Intensivierung und Verfeinerung aus dem Kampfsystem Te die Kampfkunst Karate: Sie wurde in einem geheimen rebellischen Bund gelehrt und ihr Wissen an ausgesuchte Personen weitergegeben.

Zeitgleich entwickelte sich in der bäuerlich geprägten Bevölkerung das Kobudō, das Werkzeuge und Alltagsgegenstände mit speziellen Techniken zu Waffen verwandelte. Hier legte man keinen Wert auf spirituelle, mentale oder gesundheitliche Aspekte, sondern zielte allein auf die Effizienz ab. In dieser reinsten Selbstverteidigung verfolgte man das „Ikken-Hissatsu-Prinzip“: Möglichst nicht getroffen werden und gleichzeitig die wenigen Gelegenheiten ausnutzen, die sich boten, den Gegner mit einem einzigen Schlag zu töten.

Die tödliche Wirkung dieser Kampfkunst führte zu einer erneuten Ausdehnung des Verbotes, das nun auch das Lehren von Okinawa-Te unter hohe Strafe stellte. Trotzdem wurde es weiterhin im Geheimen unterrichtet.

Wegen des Analphabetismus’ in der bäuerlichen Bevölkerung existieren keinerlei schriftliche Aufzeichnungen. Das Wissen wurde lediglich mündlich überliefert oder direkt weitergegeben. Um das Wissen für Nicht-Eingeweihte nicht zugänglich zu machen, wurden die Techniken verschlüsselt. Man bediente sich dabei von den traditionellen Stammestänzen (odori). So entstand die Kata. Die Entschlüsselung erfolgte dann im Bunkai-Training.

Eine Kata ist also als ein traditionelles, systematisches Kampfhandlungsprogramm das hauptsächliche Medium der Tradition des Karate.


20. Jahrhundert
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde Karate stets im Geheimen geübt und ausschließlich von Meister zu Schüler weitergegeben.

Während der Meiji-Restauration wurde Okinawa im Jahre 1875 eine japanische Präfektur. In dieser Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs öffnete sich Japan nach jahrhundertelanger Isolierung wieder der Welt und Karate begann wieder stärker in die Öffentlichkeit zu drängen.

1890 wurde Japan während der Musterung junger Männer für den Wehrdienst auf die besonders gute körperliche Verfassung einer Gruppe junger Männer aufmerksam. Diese gaben an, auf der Schule im Karate unterrichtet zu werden. Daraufhin wurde Karate in den Lehrplan der Schulen aufgenommen: bei den einfachen und grundlegenden Kata (Pinan oder Heian) wurde lediglich der gesundheitliche Aspekt wie Haltung, Beweglichkeit, Gelenkigkeit, Atmung, Spannung und Entspannung unterrichtet und keinerlei kämpferischen Aspekten Beachtung zugemessen.

Karate wurde dann 1902 offiziell Schulsport auf Okinawa. Dieses einschneidende Ereignis in der Entwicklung des Karate markiert den Punkt, an dem das Erlernen und Üben der Kampftechnik nicht mehr länger nur der Selbstverteidigung diente, sondern auch als eine Art Leibesertüchtigung angesehen wurde.

Nach Beginn des Jahres 1900 erfolgte von Okinawa aus eine Auswanderungswelle nach Hawaii und brachte so auch das Karate in die USA.


Bei der Reformierung und Verbreitung des Karate ist Gichin Funakoshi besonders herauszuheben, der Karate systematisierte. Er verstand es neben der reinen körperlichen Ertüchtigung auch als Mittel zur Charakterbildung.

Nach einer seiner zahlreichen öffentlichen Karate-Vorführungen auf Okinawa wurde Funakoshi vom späteren Kaiser Hirohito 1922 zu einer Budo-Veranstaltung in Tokyo eingeladen. Mit seiner Präsentation war so erfolgreich, dass er in Tokyo blieb und 1924 sein erstes Dojo ( = Trainingsraum) gründete.

Über die Schulen kam Karate auch bald zur sportlichen Ertüchtigung an die Universitäten. Diese Entwicklung führte zur Anerkennung von Karate als „nationale Kampfkunst“ und war damit endgültig japanisiert: Man erreichte durch das Training im Kimono (Karate-Gi) eine starke Gruppenidentität und schaffte mit der Einteilung in Schüler- und Meistergrade eine hierarchische Struktur.

Da Karate nach dem Zweiten Weltkrieg als Leibeserziehung und nicht als kriegerische Kunst eingestuft wurde, konnte es auch zur Zeit der Besatzung in Japan gelehrt werden.
Über die USA verbreitete sich die Kampfkunst im Laufe der fünfziger und sechziger Jahre bis nach Europa.

Der Deutsche Karate Verband (DKV) ist heute der einzige offizielle Karateverband in Deutschland. Diese Dachorganisation verbindet Karatetreibenden jeglicher Stilrichtung.



Do
Der Zusatz do wird verwendet, um den philosophischen Hintergrund der Kunst und ihre Bedeutung als Lebensweg zu unterstreichen.

Das Prinzip des Do (道) findet sich in allen japanischen Kampfkünsten wieder. Es bedeutet „Weg“ und meint damit auch den „Lebensweg“, die „Lebenseinstellung“. Dieses Prinzip lehrt sehr viele verschiedene, aus dem Zen stammende Konzepte und Verhaltensweisen.
Hier nur einige wenige Aspekte:

  • "den Weg gehen": lebenslanges Lernen und Arbeiten an sich selbst; ständige Verbesserung
  • Friedfertigkeit, Friedenswille, aber auch
  • Geradlinigkeit; absolute Entschlossenheit im Kampf ("Tue alles, um eine Auseinandersetzung zu vermeiden. Kommt es aber trotzdem zum Kampf, so soll Dein erster Schlag töten.")
  • Respekt und damit Höflichkeit gegenüber jedem Individuum und Ding, auch dem Feind
  • "Weg"-Gemeinschaft mit Meister und Mitschülern, Brüderlichkeit, verantwortungsvolles Handeln
  • Selbstbeherrschung, universelle Aufmerksamkeit (Achtsamkeit), Konzentration (Zanshin, 残心)
  • Offenheit, Bemühen um Verständnis, Akzeptanz

Otterndorf 2009



Das größte Vergnügen im Leben besteht darin, Dinge zu tun, die man nach Meinung anderer Leute nicht fertigbringt.
Marcel Aymé